Hanns Ludwig Katz
1892–1940

Farbe und Formgestalt

»

Das Bedürfnis nach Farbe ist offenkundig; Farbe einzusetzen ist nur eine Frage des Mutes.

Hanns Ludwig Katz

Hanns Ludwig Katz war eine vielschichtige Persönlichkeit. Er war Künstler, Kunsthistoriker und Malermeister, veranstaltete mit seiner Frau Franziska, einer ausgebildeten Pianistin, Konzerte und Vorträge im eigenen Haus, er engagierte sich im Frankfurter Kulturbund Deutscher Juden und träumte von einer jüdischen Künstlersiedlung in Jugoslawien. Als diese Träume zerplatzten und er seine ausweglose Lage im nationalsozialistischen Deutschland erkannte, emigrierte er nach Südafrika.

Katz gehört der sogenannten »verlorenen Generation« an – Künstlerinnen und Künstler wie er, die in den Zwischenkriegsjahren erfolgreich waren, durch die nationalsozialistische Herrschaft jedoch zeitweise in Vergessenheit geraten waren. Als künstlerische Position nimmt sein Œuvre eine Sonderstellung ein.

Nur noch 76 erhaltene Gemälde sind von Katz bekannt. Mit elf Arbeiten beherbergt die Kunsthalle Emden die größte institutionelle Sammlung seiner Werke.

Studium und erste Erfolge

Hanns Ludwig Katz wird 1892 in Karlsruhe geboren, sein jüdischer Vater ist Journalist, seine Mutter Balletttänzerin. Er besucht ein humanistisches Gymnasium, ist seit jungen Jahren passionierter Violinist. Nach dem Abitur unternimmt Katz ausgedehnte Reisen durch Frankreich und Belgien. Während dieser Zeit schreibt er sich an einer freien Kunstschule in Paris ein und auch kurz im Atelier von Henri Matisse. Nach seiner Rückkehr studiert Katz zwischen 1913 und 1918 Kunstgeschichte, Architektur, Literaturwissenschaften, Archäologie sowie bildende Kunst in Karlsruhe, Heidelberg und München. Ab 1914 lässt er sich als Kunstmaler eintragen und mietet ein Atelier in seiner Heimatstadt an, das er bis in die 1920er-Jahre beibehält. Ein erster künstlerischer Erfolg ist eine Ausstellung zehn seiner Werke 1919 in der renommierten Galerie Paul Cassirer in Berlin.

»Männliches Bildnis«, um 1920

Hanns Ludwig Katz, Männliches Bildnis, um 1920, 
Öl auf Leinwand, 65 x 50 cm
Hanns Ludwig Katz, Männliches Bildnis, um 1920, Öl auf Leinwand, 65 x 50 cm / © Kunsthalle Emden

Das »Männliche Bildnis« ist eines der wenigen erhaltenen Bilder aus dem Frühwerk des Künstlers. Mit expressionistischen Stilmitteln gelingt Katz dieses ausdrucksstarke Porträt eines unbekannten Mannes. Neben einem ungewöhnlichen Kontrast aus Rot-Grün und Gelb-Blau bestechen die kantigen Formen von Gesicht und Hals, die auf die insbesondere bei den Brücke-Künstlern beliebte Technik des Holzschnitts zurückgehen. Auf diese Weise überzeichnet er die hageren, spitzen Gesichtszüge, die im Kontrast mit dem umgebenden Rot umso prägnanter hervortreten. Das Bild ist in jenen von politischen Unruhen und revolutionären Bewegungen geprägten Nachkriegsjahren entstanden, die in München in der Ermordung des führenden Kopfes der Räterepublik, Gustav Landauer, im Jahre 1919 mündeten. Ihn hatte Katz »In Erinnerung an Gustav Landauer« 1919/20 ebenfalls porträtiert. Katz sympathisierte mit dem Sozialismus; so ist das im »Männlichen Bildnis« vorherrschende Rot also deutlich als politische Symbolfarbe einzuschätzen und der Dargestellte wohl ebenfalls im Umkreis der revolutionären Strömungen zu vermuten. Gleichzeitig besitzt er eine geistige und mithin spirituelle Ausstrahlung. Hanns Ludwig Katz vermag es, die Vielschichtigkeit und scheinbar widersprüchlichen Wesenszüge der porträtierten Personen in seinen Bildnissen offenzulegen.

Kunstmaler und Malermeister

Katz heiratet  1920 die Pianistin Franziska Ehrenreich, genannt Fränzi. Das Paar zieht nach Frankfurt in eine Dachwohnung in der Großen Friedberger Str. 27. Um in diesen Jahren der Wirtschaftskrise ihren Lebensunterhalt zu sichern, gründet Katz 1923 ein Weißbindergeschäft, in dem er als Malermeister arbeitet und jungen jüdischen Menschen eine Ausbildungsmöglichkeit bietet. 1929 legt er die Meisterprüfung ab – ein für einen Künstler ungewöhnlicher Schritt, über den sogar die Frankfurter Zeitung berichtet:

»Der bekannte Frankfurter Kunstmaler Hans Katz hat vor kurzem vor der Prüfungskommission der Frankfurter Maler- und Weißbinderinnung das Meisterexamen mit Auszeichnung bestanden. Es dürfte dies das erstemal sein, daß ein bildender Künstler auf solche Weise die Konsequenzen aus der gegenwärtigen Wirtschaftslage gezogen hat.«
Frankfurter Zeitung vom 30.3.1929

Auch künstlerisch verfolgt er neue Wege, glättet seine Malweise im Stil der Neuen Sachlichkeit, behält jedoch die expressive Farbigkeit bei. Der Aggressivität seiner frühen Bilder folgen fein arrangierte Szenen mit klaren Bildkompositionen und scharfen Gegenstandsbeschreibungen. Katz wird Mitglied der Gruppe »Ghat« und des Frankfurter Künstlerbundes, stellt vor Ort in der Galerie Cramer und im Kunstverein aus, die Frankfurter Künstlerhilfe kauft regelmäßig seine Werke.

»Miss Mary«, 1926

Hanns Ludwig Katz, Miss Mary, 1926,
Öl und Tempera auf Karton auf Sperrholz, 150,3 x 94,4 cm
Hanns Ludwig Katz, Miss Mary, 1926, Öl und Tempera auf Karton auf Sperrholz, 150,3 x 94,4 cm / © Kunsthalle Emden

Das Aktporträt »Miss Mary« zeigt eine Interieurszene, in der sich eine stehende Frauenfigur dem Betrachter in klassischer Pose anmutig darbietet. Der Innenraum ist perspektivisch verzerrt und extrem über Eck gestellt. Einen Ausblick bietet allein die Kommode, in der sich das gegenüberliegende Fenster spiegelt. Die Dargestellte ist angeblich eine amerikanische Millionärin, die Katz mit einem Porträt beauftragte. Nur mit einer schwarzen Augenmaske und roten Pantoletten bekleidet, betrachtet Miss Mary sich in einem Handspiegel, während sie in der linken Hand eine Puderquaste bereithält. Auch die Spiegelkommode zu ihrer rechten unterstreicht das Bild einer eitlen Frau. Die Dame sieht sich bewundert von den Blicken einer männlichen Figur, in der sich das Antlitz des Künstlers zeigt, und einer weißen Katze im Vordergrund, die zu ihr aufblickt. Die Katze gilt als »Signatur« von Hanns Ludwig Katz und ist zugleich ein weiteres Symbol der Eitelkeit sowie der als lasterhaft konnotierten weiblichen Lust.

Gekleidet in Anzug und Hut, steht die Künstlerfigur in krassem Gegensatz zum entblößten Frauenkörper seines Modells – ein klassisches Bildmotiv der Kunstgeschichte, in dem sich Muse und Maler im Bildraum begegnen. Blumendekor, modernes Bauhaus-Mobiliar und Miss Marys modische Bubikopf-Frisur stellen den zeitlichen Bezug her. So beschreibt Katz den Inbegriff der Neuen Frau: klassisch schön, sinnlich-weiblich, erotisch-verführerisch, selbstbewusst und modern, vor allem: selbstbestimmt.

Die Neue Frau ist nicht Katz‘ Erfindung, vielmehr entspricht Miss Mary der Vorstellung eines neuen Frauenbildes. Mit der verfassungsrechtlichen Gleichstellung von Männern und Frauen sowie der Anerkennung des Wahlrechts 1919 ändert sich das Selbstverständnis vieler junger Frauen. Miss Mary ist die bildnerisch sachliche Neuschöpfung eines modernen Frauentypus.

Frankfurter Bohème

Auf einem günstig zu pachtenden Grundstück in Frankfurt-Eschersheim lassen sich Hanns und Fränzi von den Architekten Eduard und Otto FuckeR ein Haus im Stil des »Neuen Bauens« errichten, das sie ab 1928 bewohnen. Jeden Sonntagabend öffnen sie ihr Haus für Freunde und Bekannten aus der Frankfurter Bohème, darunter der Bildhauer Benno Elkan und der Kunsthistoriker Richard Krautheimer. Franziska veranstaltet im neuen Haus Konzerte, Hanns hält Vorträge. In seinen kunsttheoretischen Überlegungen spiegeln sich unterschiedlichste Einflüsse wieder, darunter auch seine Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie.

Für Katz ist die Farb- und Formgestalt der Dreh- und Angelpunkt des bildnerischen Ausdrucks. Auch seine Tätigkeit als Malermeister ist eine wesentliche Grundlage für das handwerkliche Verständnis seines Umgangs mit Farbe als künstlerischem Material, ihrer Anwendung und Wirkung. 1931/32 hält Katz zwei Semester lang Vorlesungen über Technik- und Materialkunde im kunsthistorischen Seminar der Universität Marburg.

Die wenigen Texte, die von ihm erhalten sind, legen ein komplexes, methodisches Denken über Kunst nahe, das sich in den verschiedenen Werkphasen niederschlägt.

»Eye Operation / Augenoperation«, 1929/30

Hanns Ludwig Katz, Eye Operation/Augenoperation, 1929/30,
Öl auf Sperrholz, 70,4 x 39,7 cm
Hanns Ludwig Katz, Eye Operation/Augenoperation, 1929/30, Öl auf Sperrholz, 70,4 x 39,7 cm / © Kunsthalle Emden

Mit diesem Gemälde hält Hanns Ludwig Katz direkt und ungeschönt den Moment vor einer Augenoperation fest: Die Augenlider eines Mannes sind durch die Hände der Arzthelferin weit auseinandergezogen, von rechts nähert sich bereits das Skalpell des Chirurgen. Der inhaltliche Fokus und die Bildkomposition sind ganz auf den erstarrten Patienten gerichtet: Die aktiven Figuren des Arztes und seiner Helferin sind allein durch ihre Hände vertreten, die auf ihn weisen; der perspektivisch flächig gekippte Tisch mit Schale und Gefäß stößt auf ihn zu. Einzig die OP-Lampe strahlt in den Bildhintergrund, leuchtet dem Chirurgen damit jedoch nicht das Einsatzfeld seiner Arbeit aus.

Der beklemmende Eindruck der Szene wird nicht zuletzt durch die Farbwahl gesteigert: Weiß und Grau, fein abgemischt mit Nuancen von Gelb und Blau, bestimmen die kränklich wirkende Farbigkeit von Haut, Kleidung, Tisch und Wand, unterlegt durch die dunkle Kleidung des Protagonisten. Das Gemälde wirkte auf Zeitgenossen irritierend. Das Motiv selbst war nicht nur schockierend dargestellt, es war als Bildgegenstand zugleich befremdlich. Diese Direktheit ist beispielhaft für die Neue Sachlichkeit, die sich in den 1920ern als Reaktion auf den Expressionismus entwickelte. Ihre Vertreter bevorzugten eine realistische, oft naturalistische, atmosphärisch kühl-distanzierte und weniger farbstarke Darstellungsweise; nicht selten orientierten sie sich an den traditionellen Maltechniken und Bildkompositionen der Alten Meister. Mit ihrer Kunst übten sie jedoch teils scharfe Kritik an den sozialen und politisch desaströsen Zuständen ihrer Zeit.

»Selbstbildnis mit Handspiegel«, um 1930

Hanns Ludwig Katz, Selbstbildnis mit Handspiegel, um 1930,
Öl auf Sperrholz, 100,3 x 60,3 cm, 
Schenkung der Freunde der Kunsthalle e.V. und Anton Flick, 2001
Hanns Ludwig Katz, Selbstbildnis mit Handspiegel, um 1930, Öl auf Sperrholz, 100,3 x 60,3 cm, Schenkung der Freunde der Kunsthalle e.V. und Anton Flick, 2001 / © Kunsthalle Emden

Das etwas lakonisch »Selbstbildnis im Handspiegel« benannte Bild erweist sich bei eingehender Betrachtung als erstaunlich vielschichtig. Dabei ist die Kenntnis des schmalen Œuvres des Künstlers von Nutzen, das fast ausschließlich Porträts, Blumenstillleben und Stadtlandschaften umfasst. Diese Elemente finden sich im »Selbstbildnis im Handspiegel« vereint. Im Grunde könnte hier von einem Doppelbildnis gesprochen werden: Nicht minder bedeutsam als das sich spiegelnde Gesicht des damals etwa 38-jährigen Künstlers ist die große, auf einem Fenstersims sitzende Katze. Sie ist es, die der Künstler wohl eigentlich mustert, wird sein Blick im Spiegel doch nicht direkt auf uns zurückgeworfen, sondern geht seitwärts nach rechts. Wer schaut hier wen an?

Durch das Fenster lässt sich schemenhaft eine Stadtlandschaft im Abendlicht ausmachen. Der Künstler dekliniert verschiedene Erscheinungsformen von Glas in diesem Werk aus: Da ist zunächst der runde Kosmetikspiegel, der sein eigenes Antlitz rahmt und zurückwirft. Die Vase und das Fenster besitzen ihre jeweils eigene Anmutung von Transparenz und haptischer Stofflichkeit. Katz greift hier auf den aus der traditionellen Stilllebenmalerei bekannten Topos zurück, das Sehen als grundlegende Bedingung der bildenden Kunst zu thematisieren. Der Betrachter ist unmittelbar in diesen Dialog eingebunden, wenn auch er die Katze anblickt, während er gleichzeitig den Künstler, das Blumenstilleben und die Stadt erfasst.

Vasen, Spiegel und Fenster erscheinen wiederholt in Katz‘ Werken, etwa in »Miss Mary« (1926) oder »Bildnis Elisabeth Kracauer-Ehrenreich« (1935). Ein skurriles »Stillleben mit Goldfischglas« findet sich zudem auf der Rückseite dieses Selbstbildnisses.

Im national­­sozialistischen Deutsch­land

Als Hitler 1933 an die Macht kommt, erwägt Katz mit seiner Frau nach Paris zu emigrieren. Dazu kommt es nicht; Fränzi stirbt am 25. Mai 1934 im Alter von 42 Jahren. Dieser Verlust trifft Katz in besonderer Härte, wie er in zahlreichen Briefen, allen voran an seine Schwägerin Elisabeth (Lili) und deren Gatten Siegfried Kracauer, offenlegt.

Katz wird nicht nur durch seine jüdische Herkunft als »Halbjude« und »in Mischehe lebend« degradiert und mit Berufsverbot belegt, sondern gerät durch sein Interesse an linkssozialistischer Politik zusätzlich unter Beobachtung. Im »gleichgeschalteten« Deutschland gibt es für ihn kaum Möglichkeiten, seine beiden Tätigkeiten unbehelligt auszuführen. Der Boykott jüdischer Firmen in Frankfurt hat für Katz‘ Geschäft enorme Verschuldung zur Folge. Dennoch führt er die Firma weiter. Auch seine künstlerische Tätigkeit gibt er trotz aller Widrigkeiten nicht auf.

Die Gründung eines jüdischen Kulturbundes ermöglicht jüdischen Kulturschaffenden in begrenztem Umfang weiterhin tätig zu sein. Unter strikten Auflagen – die Arbeit des Kulturbundes darf nur durch Mitglieder erfolgen und ist ausschließlich von Juden für Juden erlaubt – bietet er nach Berliner Vorbild eine subkulturelle Nische, in der sich die jüdischen Kulturschaffenden vernetzen und weiterhin als solche arbeiten können. Katz ist an der Etablierung des »Kulturbunds Deutscher Juden Bezirk Rhein-Main« maßgeblich beteiligt.

»plattform eines weiterlebens« – Hoffnungsträger Siedlungs­projekt

In dieser sowohl von einer massiven persönlichen Krise als auch von gesellschaftlicher Not geprägten Zeit beginnt Katz mit der Planung eines großen, idealistischen Projekts: Ein Siedlungsprojekt in Jugoslawien. In einer Denkschrift legt er Anfang 1935 den Plan für eine jüdische Gemeinschaft dar, die an der dalmatischen Küste von handwerklichen, landwirtschaftlichen und künstlerischen Arbeiten lebt und jüdischen Schülern in Werkstätten verschiedenster Gebiete eine Ausbildung ermöglicht. Welche existenzielle Bedeutung das Siedlungsprojekt für Katz hatte, zeigen Auszüge aus seinen Briefen: »mir liegt so aussergewöhnlich viel an dem Projekt, es ist so viel damit verbunden und für mich eine plattform eines weiterlebens, dass ich euch auf das herzlichste bitte, mir zu helfen, wie es geht«, schreibt er im Januar 1935 an Elisabeth und Siegfried Krakauer.

Doch für die Gründung des Projekts bleibt keine Zeit – der Druck, Deutschland zu verlassen, wächst und einer seiner Freunde nach dem anderen wandert aus. Das Scheitern des Projekt, dieser Verwirklichung eines »neuen Lebens«, in das er alle seine Hoffnungen gesetzt hatte, muss für Katz ein schwerer Schlag gewesen sein.

»Fort, fort, fort, nach Serbien, Albanien, zum Teufel, wenn es sein muß«

Hanns Ludwig Katz in einem Brief an Elisabeth und Siegfried Kracauer, 1935

Exil und Tod in Südafrika

Katz gibt sein Weißbindergeschäft auf, verkauft in großer Eile sein Haus und heiratet am selben Tag die Bildhauerin Ruth Wolff, eine seiner ehemaligen Schülerinnen. Wenige Tage später verlassen sie Deutschland per Schiff, auf der vom Hilfsverein der Juden in Deutschland gecharterten »Stuttgart« mit Kurs auf Südafrika. Leider geht beim Verladen in Bremerhaven ein Großteil seiner Werke verloren.

»Nun ist auch meine Zeit gekommen, dass eine Arbeit für mich nicht mehr möglich ist.«

Hanns Ludwig Katz in einem Brief an Richard Hamann vom 26.09.1936
Das Passagierschiff »Stuttgart«, auf dem Hanns und Ruth Katz Deutschland verließen, Fotografie aus den 30er-Jahren
Das Passagierschiff »Stuttgart«, auf dem Hanns und Ruth Katz Deutschland verließen, Fotografie aus den 30er-Jahren / © Wikimedia Commons

Hanns und Ruth landen in Kapstadt und ziehen nach Johannesburg. Dort trifft der Künstler Hans Wongtschowski und dessen Frau Else wieder, die häufig Katz‘ Gäste bei Soiréen mit Musik und Kunst gewesen waren. Gemeinsam beziehen die beiden Ehepaare ein Haus, in dem das Künstlerehepaar Katz ein Atelier zum Malen und Modellieren und Else Wongtschowski eine Silberschmiedewerkstatt nutzen.

Hanns Ludwig Katz führt das Weißbindergeschäft in der fremden Stadt erfolgreich weiter, doch seine künstlerische Kraft verliert sich im schwierigen Leben im Exil. Die dort entstandenen Arbeiten weisen einen deutlichen Bruch mit dem vorgegangenen Werk auf. Während der vier Jahre in Südafrika malt Katz kein einziges Porträt und spielt auch nicht mehr auf der Violine.

In Deutschland werden währenddessen seine Werke beschlagnahmt: sein »Männliches Bildnis« beispielsweise wird 1937 der Badischen Kunsthalle Karlsruhe entzogen und in der Feme-Ausstellung »Entartete Kunst« gezeigt.

Hanns Ludwig Katz stirbt nur wenige Jahre später am 17. November 1940 im südafrikanischen Exil an Krebs. Obwohl seine Arbeiten in den in den 1920er- und 30er-Jahren immer wieder in überregionalen Ausstellungen lobend hervorgehoben worden waren, bleibt der Künstler nach dem Ende des zweiten Weltkrieges weitestgehend unbekannt.

»Painter, art historian, scholar and Humanitarian, Hans Katz was a colourful personality with a varied vision of life which he recorded with infinite pains in his work.«

Joseph Sachs, Südafrikanischer Kunsthistoriker

Wie das Œuvre von Hanns Ludwig Katz seinen Weg nach Ostfriesland fand, oder: Henri Nannens Gespür für außergewöhnliche Kunst

Nach dem Krebstod ihres Mannes versuchte Ruth Katz unermüdlich, der Johannesburger Kunstwelt die künstlerische Arbeit ihres Mannes nahezubringen. Einzelne, wenige Ausstellungen in den 1940er-, 50er- und 60er-Jahren konnten jedoch nicht an die überregionalen Erfolge seiner Frankfurter Zeit anknüpfen.

Hans Wongtschowski konnte schließlich Reinhold Cassirer überreden, im November 1984 zehn Werke von Katz in eine Gruppen­ausstellung in Kapstadt aufzunehmen. Auf diese Ausstellung wurde Henri Nannen, der nur zwei Monate zuvor mit seiner späteren zweiten Ehefrau, Eske Ebert, den Grundstein für die Kunsthalle Emden gelegt hatte, von Elisabeth Klaas aufmerksam gemacht. Die in Ostfriesland lebende Schwester von Wongtschowskis zweiter Frau Brigitte hatte ihm Dias geschickt, auf denen Katz‘ Werke zu sehen waren.

Begeistert von Katz‘ herausragender Malerei reiste Nannen nach Südafrika, um die Ausstellung zu besuchen, und kaufte sogleich vier Gemälde dieses vergessenen Künstlers. Damit kamen erstmals wieder Arbeiten von Katz nach Deutschland. In den Folgejahren wuchs der Bestand durch weitere Ankäufe und Schenkungen auf acht Gemälde an, von denen Katz drei doppelseitig bemalt hatte.

Brigitte Wongtschowski blieb der Kunsthalle bis zu ihrem Lebensende eng verbunden und war als Mitglied der Freunde der Kunsthalle e.V. auch an Ankäufen weiterer Werke von Hanns Ludwig Katz direkt beteiligt. Mitsamt einer großzügigen Stiftungen des Ehepaars Paula und André Goetz aus Hurlingham in Südafrika, unter der sich auch die von Ruth Katz angefertigte Totenmaske ihres Mannes befand, handelt es sich damit um den größten Werkbestand von Hanns Ludwig Katz in Deutschland.

Zu Katz 100. Geburtstag realisierten das Jüdische Museum Frankfurt und die Kunsthalle Emden 1992 eine gemeinsame Retrospektive. Diese Ausstellung war ein großer Erfolg und steigerte Katz‘ Bekanntheit um ein Vielfaches.

Als Beitrag zum Jubiläumsjahr »1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« wird die Kunsthalle Emden ab Herbst 2021 die Ausstellung »Welt aus den Fugen − Scharl, Katz, Radziwill« zeigen.

Teilen &
Erinnerung schaffen

#tsurikrufn – machen Sie mit!

Mit dem Teilen dieses Porträts in sozialen Netzwerken unterstützen Sie unser Anliegen, an jüdische Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft seit über 1.700 Jahren mitgestalten, aktiv zu erinnern.

Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« von
Kunsthalle Emden Stiftung Henri und Eske Nannen und Schenkung Otto van de Loo
www.kunsthalle-emden.de

Autorin: Samira Kleinschmidt, Assistenzkuratorin an der Kunsthalle Emden

Redaktionelle Bearbeitung und Gestaltung: Dr. Jessica Popp, AsKI e.V.

Techn. Bearbeitung von Abbildungen, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Quellenangaben

Die Kunsthalle Emden
Die Kunsthalle Emden wurde 1986 von Henri Nannen, dem Gründer und langjährigen Chefredakteur des »Stern«, und seiner Frau Eske ins Leben gerufen. Mit dem Bau des Museums erfüllte sich der gebürtige Emder den Traum, seiner eigenen Kunstsammlung ein Haus zu errichten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er selbst sammelte Kunst seit jungen Jahren und war besonders mit der Kunst des Expressionismus stets verbunden. Das Herz des Museums ist Nannens großzügige Stiftung seiner Kunstsammlung. Sie umfasst Werke von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Er ließ sich stets auch von Einzelpositionen abseits des Kunstkanons begeistern, darunter Künstler wie Josef Scharl und Hanns Ludwig Katz, deren Arbeiten er sehr schätzte und systematisch ankaufte.

Eine umfangreiche Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo 1997 gab den Anstoß zum Ausbau der Kunsthalle. Sie erweiterte die Sammlung des Hauses in die Zeit nach 1945. Schwerpunkte des Bestandes finden sich heute besonders in den Bereichen des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit, dem Informel, der Kunst aus der Glasnost-Zeit, sowie die Werke der »Neuen Wilden« und den Künstlergruppen »CoBrA« und »SPUR«. Heute ist das Museum eines der bekanntesten deutschen Ausstellungshäuser für moderne und zeitgenössische Kunst.

Einzelpositionen jüdischer Maler machen nur einen kleinen Teil der Sammlung aus, der jedoch nicht minder wertvoll für die Kunsthalle ist. Das Haus und dessen Leitung sieht es als wissenschaftliche Verpflichtung, diesen Nachlass von Künstlern jüdischer Herkunft kontinuierlich aufzuarbeiten, zu pflegen und zu verbreiten.