Fritz Bauer
1903–1968

NS-Verbrechen
vor Gericht

»

Bewältigung unserer Vergangenheit heißt Gerichtstag halten über uns selbst.

Fritz Bauer

Der Name Fritz Bauer ist untrennbar verbunden mit den Auschwitz-Prozessen in Deutschland und der Entführung Adolf Eichmanns nach Jerusalem. Der bekennende Sozialdemokrat, brilliante Jurist und spätere General­staatsanwalt von Hessen kämpfte unermüdlich gegen große Wider­stände im Nachkriegs­deutschland  für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Es ist sein Verdienst, dass die Wider­standskämpfer vom 20. Juli 1944 rehabilitiert wurden. Zeitlebens engagierte er sich für eine demo­kratische Justiz, für eine Reform des Strafrechts und gegen das Vergessen der nationalsozialisti­schen Massenverbrechen.

Eine Bilder­buch­karriere

Fritz Bauer wird am 16. Juli 1903 in eine deutsch-jüdische Kauf­manns­familie in Stuttgart geboren. Kindheit und Jugend verlebt er in der damaligen Hauptstadt des Königreichs Württemberg, wo er das traditionsreiche Eberhard-Ludwigs-Gymnasium besucht. Nach dem Abitur studiert Bauer ab 1921 Rechtswissenschaft an den Universitäten Heidelberg, München und Tübingen und wird im Jahr 1927 mit einer Dissertation zum Thema »Die rechtliche Struktur der Truste« zum Dr. jur. in Wirtschafts­recht promoviert. Als jüngster Richter Deutschlands tritt er 1930 eine Stelle am Amtsgericht seiner Geburtsstadt Stuttgart an. Mit dem Staatsdienst hat sich Bauer als Jurist für einen Berufszweig entschieden, der bis zum Beginn der Weimarer Republik jüdischen Deutschen weitgehend verschlossen geblieben war.

Fritz Bauer als Student im Jahr 1924, Fotograf: Unbekannt
Fritz Bauer als Student im Jahr 1924, Fotograf: Unbekannt / © Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main

Leidenschaftlicher Kämpfer für Demokratie

Fritz Bauer tritt leidenschaftlich für die neuen politischen Verhältnisse und die noch junge Demokratie in Deutschland ein. Bereits mit 17 Jahren wird er Mitglied der Sozial­­demokra­tischen Partei Deutschlands (SPD), setzt sich als Amtsrichter für die Gründung des Republikanischen Richterbunds ein und engagiert sich in der sozialdemo­kratischen Schutz­formation »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Als Vorsitzender der Reichsbanner-Ortsgruppe Stuttgart versucht er ab Anfang der 1930er Jahre an der Seite des SPD-Reichs­tags­abgeord­neten Kurt Schumacher vergeblich den Aufstieg der National­sozialisten in Württemberg zu verhindern. Nach deren Machtübernahme 1933 wird Bauer umgehend aus dem Staatsdienst entlassen und für neun Monate im Konzen­trations­lager Heuberg auf der Schwäbischen Alb und im Garnisons-Arresthaus in Ulm inhaftiert.

Emigration nach Dänemark

1936 emigriert er nach Dänemark, muss 1943 jedoch von dort gemeinsam mit seiner Familie vor der drohenden Deportation über das Kattegat nach Schweden fliehen, wo er sich bis Kriegsende gemeinsam mit dem späteren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt in sozialdemokratischen Exilorganisationen engagiert.

Zurück in Deutschland

Kurz vor Gründung der Bundesrepublik erhält Bauer, der wieder in Dänemark lebt, das Angebot, als Landgerichtsdirektor am Landgericht Braun­­­schweig nach Deutschland zurückzukehren. Er lässt sich 1949 in Norddeutschland nieder und tritt im Jahr darauf die Stelle des scheidenden General­staatsanwaltes beim Oberlandes­gericht Braunschweig an. In dieser Position initiiert er 1952 ein Verfahren, das ihn mit einem Schlag deutschlandweit bekannt machen sollte, den sogenannten Remer-Prozess.

Passfoto Fritz Bauers kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland, ca. 1947, Passbildautomat
Passfoto Fritz Bauers kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland, ca. 1947, Passbildautomat / © Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main

Otto Ernst Remer

Der rechtsextremistische Politiker Otto Ernst Remer hatte im Mai 1951 in einer öffentlichen Rede die Wider­standskämpfer des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg als Landes­verräter bezeichnet und gedroht, sie würden bald schon von einem deutschen Gericht zur Rechen­schaft gezogen werden. Bauer erhob daraufhin Klage gegen Remer aufgrund übler Nachrede und Verunglim­pfung des Anden­kens Verstorb­ener. Im folgenden Strafver­fahren vor dem Landgericht Braunschweig gelang es Bauer 1952, die Wider­stands­kämpfer, die acht Jahre zuvor versucht hatten Adolf Hitler zu ermorden und so den Krieg zu beenden, zu rehabilitieren und das NS-Regime als Unrechtsstaat zu ächten. Dies war ein Meilen­stein auf dem Weg zur juristi­schen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland.

»Ein Unrechts­staat wie das Dritte Reich ist überhaupt nicht hoch­verrats­fähig.«

Plädoyer im Remer-Prozess 1952

General­staats­anwalt in Frankfurt

Vier Jahre nach dem Remer-Prozess zieht Bauer von Braunschweig nach Frankfurt am Main, wo er zum hessischen Generalstaatsanwalt am dortigen Oberlandesgericht ernannt worden war. Der Wechsel bedeutet für ihn einen weiteren beruflichen Aufstieg. In Hessen unterstehen Bauer nun neun Staatsan­waltschaf­ten sowie 13 Justizvollzugs­anstalten. Als oberster Chefankläger des Landes initiiert er ab 1956 eine Welle von Ermittlungs- und Strafverfah­ren gegen ehemalige NS-Täter. 1957 sorgt er gemeinsam mit dem israelischen Geheim­dienst dafür, dass der Organisator der Massen­deportationen während des Holocaust, Adolf Eichmann, in Argentinien aufgespürt und später in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde.

Ernennungsurkunde Fritz Bauers zum hessischen Generalstaatsanwalt bei dem Oberlandesgericht in Frankfurt am Main, März 1956
Ernennungsurkunde Fritz Bauers zum hessischen Generalstaatsanwalt bei dem Oberlandesgericht in Frankfurt am Main, März 1956 / © Archiv des Fritz Bauer Instituts

Der Auschwitz-­Prozess

Auf Bauers Initiative hin findet von 1963 bis 1965 vor dem Landgericht Frankfurt am Main ein Strafverfahren gegen 21 ehemalige SS-Angehörige sowie einen Funktionshäftling des Konzentrations- und Vernichtungs­lagers Auschwitz statt. Der erste Frankfurter Auschwitz Prozess, einer der größten Straf­prozesse der deutschen Nachkriegs­geschichte, führt nicht zuletzt durch eine intensive Medienbegleitung der bundesdeutschen und inter­nationalen Öffentlichkeit erstmals vor Augen, was in Auschwitz geschehen war. Den Zweck des Verfahrens sieht Bauer allerdings weniger in der Bestrafung der Täter, als vielmehr in seiner pädagogi­schen Wirkung. Bauer, der die Bedeutung eines stabilen und verlässlichen Justiz­apparates für das Gelingen der Demokratie betont, sieht dieses Vorhaben, das für ihn eine gesell­schafts­politische Selbst­aufklärung mit den Mitteln des Rechts war, gleichbedeutend mit der Aufgabe kritischer öffentlicher Selbstreflexion. Er bringt dies auf die Formel: »Gerichtstag halten über uns selbst«.

»›Bewältigung unserer Vergangenheit‹ heißt Gerichtstag halten über uns selbst, Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte, nicht zuletzt alles, was hier inhuman war, woraus sich zugleich ein Bekenntnis zu wahrhaft menschlichen Werten in Vergangenheit und Gegenwart ergibt, wo immer sie gelehrt und verwirklicht wurden und werden. Ich sehe darin nicht, wie ein Teil meiner Kritiker zu meinen scheint, eine Beschmutzung des eigenen Nestes; ich möchte annehmen, das Nest werde dadurch gesäubert.1«

Fritz Bauer im ›Club Voltaire‹, Frankfurt am Main, ca. 1965–1968, Foto: Siegfried Träger / Entwurf für einen Vortrag Fritz Bauers zum Thema »Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart«, gehalten am 21.06.1968 im Rahmen einer Vortragsreihe der Humanistischen Union an der Universität München
Fritz Bauer im ›Club Voltaire‹, Frankfurt am Main, ca. 1965–1968, Foto: Siegfried Träger / Entwurf für einen Vortrag Fritz Bauers zum Thema »Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart«, gehalten am 21.06.1968 im Rahmen einer Vortragsreihe der Humanistischen Union an der Universität München

Engagierter Jurist und Mahner

Auch abseits der juristischen Auf­arbeitung der NS-Verbrechen setzt sich Bauer intensiv mit der Rolle von Justiz, Recht und Strafe in der modernen Gesellschaft auseinander. In zahlreichen Publikationen, öffent­lichen Vorträgen und Diskus­sions­runden äußert er sich zu so verschie­denen Themen wie Wirtschafts­kriminalität, Widerstands­recht oder Rechts­extremismus.

Leidenschaftlich wirbt er in Funk und Fernsehen für seine Ideen zur Reform des bundesdeutschen Straf­rechts und des Strafvollzugs. Als Fritz Bauer im Juli 1968 überraschend stirbt, verliert die Bundesrepublik mit ihm einen unbeirrten Demokraten, kämpfe­rischen Juristen und unab­lässigen Mahner vor den wieder­kehrenden Schrecken der Vergan­genheit.

»Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden. Nichts ist – wie man zu sagen pflegt – ›bewältigt‹; wir stehen erst am Anfang, mag auch die breiteste Öffentlichkeit sich gerne in dem Glauben wiegen, sie habe schon so viel getan, daß ihr zu tun fast nichts mehr übrig bleibe.«2

Fritz Bauer: Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« vom
Fritz Bauer Institut
www.fritz-bauer-institut.de

Autor: Johannes Beermann-Schön, M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fritz Bauer Institut

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Ulrike Horstenkamp, AsKI e. V.

Techn. Bearbeitung von Abbildungen, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Quellenangaben

Das Fritz Bauer Institut
Das Fritz Bauer Institut ist eine unabhängige, zeitgeschichtlich ausgerichtete und interdisziplinär orientierte Forschungs- und Bildungseinrichtung. Es untersucht und dokumentiert die Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen – insbesondere des Holocaust – und deren Wirkung bis in die Gegenwart. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Vermittlung der einschlägigen deutschen und internationalen Forschung durch Publikationen, Vortragsveranstaltungen und Ausstellungen.

Das Fritz Bauer Institut wurde 1995 vom Land Hessen, der Stadt Frankfurt am Main und dem Förderverein Fritz Bauer Institut e.V. als Stiftung bürgerlichen Rechts ins Leben gerufen. Als An-Institut ist es seit Herbst 2000 mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main assoziiert und hat seinen Sitz im IG Farben-Haus auf dem Campus Westend. Im Stiftungsrat des Instituts sind das Land Hessen, die Stadt Frankfurt, die Goethe-Universität und der Förderverein des Fritz Bauer Instituts e.V. vertreten. Der Förderverein und der Wissenschaftliche Beirat unterstützen und begleiten seine Arbeit. Im Jahr 2017 wurde der Lehrstuhl zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, der erste in der Bundesrepublik Deutschland zu diesem Themenfeld, geschaffen und am Historischen Seminar der Goethe-Universität angesiedelt. Der Lehrstuhl ist mit der Leitung des Fritz Bauer Instituts verbunden.